Optiker Termin

Veröffentlicht am 11. Mai 2026 um 16:11

Vor einer Weile stand ein Termin beim Optiker auf meiner ToDo-Liste, weil ich neue Brillen brauchte – einer dieser Termine, die ich liebend gerne wochenlang vor mir herschob, weil sie für mich mit großer Anstrengung und Anspannung verbunden waren.

Als ich schließlich zum vereinbarten Termin im Laden erschien, war ich jedoch sofort erleichtert, da die Optikerin sehr sympathisch und offen wirkte, mich mit einem „Hi“ begrüßte, mich ganz selbstverständlich duzte und fragte, ob sie mir einen Cappuccino machen solle, weil sie gerade noch kurz mit einer anderen Kundin beschäftigt sei. Diese entspannte Atmosphäre machte die Situation für mich deutlich angenehmer und nahm mir die Anspannung. Allein schon das Duzen hatte einen positiven Effekt, denn wenn es nach mir ginge, könnte man das Siezen in der deutschen Sprache komplett abschaffen. Ich verstehe den Sinn davon nicht, eine künstliche Distanz zwischen Menschen zu erzeugen. Wie nah oder nicht nah ich mich jemandem fühle, hat für mich nichts mit „Du“ oder „Sie“ zu tun, sondern allein damit, wie sympathisch oder unsympathisch mir die Person ist.

Die Brillen suchte ich weitestgehend alleine aus, weil die Optikerin währenddessen mit anderen Kunden beschäftigt war. Hinterher hatte sie ein schlechtes Gewissen deswegen und war erleichtert, als ich ihr versicherte, dass das für mich genau richtig gewesen sei. Für mich war es entspannter gewesen, in Ruhe die Brillen durchzuschauen. Nebenbei noch Erklärungen dazu zu bekommen, würde mich eher ablenken oder überfordern. Sie war erstaunt darüber, was ich die ganze Zeit für eine Gelassenheit an den Tag legte („Du bist die Entspannteste von allen“), und ich war ein bisschen erstaunt, dass ich in einer eigentlich eher stressigen Umgebung offensichtlich nach außen so gelassen wirkte. Aber ich war auf mich und die Brillen fokussiert gewesen, und hatte versucht, alles andere möglichst zu ignorieren. Zudem war ich in dem Fall tatsächlich verhältnismäßig entspannt. Die Atmosphäre, genügend regulierende Vorarbeit und meine Ohrstöpsel retteten mich – auch wenn ich am Ende dann doch ziemlich erledigt war und einen Tag brauchte, um mich davon zu erholen.

„Was arbeitest du eigentlich?“, fragte sie, während sie schließlich noch auf den Gläsern meiner zukünftigen Brillen die Position meiner Pupillen anzeichnete. „Ich bin arbeitsunfähig seit 9 Jahren. Ich hatte Pfeiffersches Drüsenfieber und seitdem chronische Erschöpfung.“ Sie wollte genauer wissen, wie es mir dann mittlerweile gehe. Also erwähnte ich, dass ich vor kurzem noch meine Autismus-Diagnose bekommen habe, und dass das also auch noch dazu komme. Die erste Reaktion war ein etwas erstaunter Blick und „Das merkt man gar nicht.“ Kurze Pause. „Aber dafür hast du den Sehtest echt gut gemacht, oder vielleicht gerade deswegen …“, überlegte sie. Aber es war überhaupt nicht auf so eine stigmatisierende Art, sondern vielmehr interessiert, offen und verständnisvoll. Ich glaube, sie war sich etwas unsicher, wie sie reagieren sollte, was ich irgendwie auch verständlich fand. Sie war fasziniert von der späten Diagnose und wollte wissen, wie es für mich war, diese zu bekommen. „Bestimmt erleichternd, oder?“ „Ja, das war eine Riesen Erleichterung.“ Sie überlegte, wie es sich wohl für sie anfühlen würde, wenn sie jetzt so eine Diagnose bekommen würde. Ich erzählte ihr kurz von dem lebenslangen unbewussten Maskieren und dass ich jetzt eben versuchen würde, mich nicht mehr so arg zu verbiegen. „Ihr seid voll die Anpassungskünstler, oder?“ „Ja genau. Aber es kostet leider extrem viel Energie.“ Ich war sehr positiv überrascht über diese kurze, ehrliche Unterhaltung und fühlte mich verstanden. Diese Erfahrung bestätigte mich, dass es sich lohnte, offen zu sein. Seit ich meine Diagnose schwarz auf weiß hatte, versuchte ich generell möglichst offen mit dem Thema Autismus umzugehen, und war deshalb immer froh, wenn sich eine Gelegenheit bot, es zu erwähnen. Zum einen, weil ich zur Aufklärung beitragen und ein Bewusstsein in der Gesellschaft schaffen wollte. Zum anderen, weil ich deutlich entspannter war, sobald ich wusste, dass mein Gegenüber wusste, dass ich Autistin war. Ich hatte dann automatisch weniger das Gefühl, eine Rolle spielen zu müssen und war authentischer. Wenn mein Gegenüber von meinem Autismus wusste, konnte er mich entweder so akzeptieren wie ich war oder er war ein Arsch. Aber wenn er nichts davon wusste, hatte er gar nicht die Chance dem Autismus mit Verständnis gegenüber zu treten. Dass man manche autistische Verhaltensweisen aus neurotypischer Sicht als unhöflich, arrogant oder desinteressiert interpretierte, solange man keine Ahnung davon hatte, war für mich irgendwie auch nachvollziehbar. 

Als die fertigen Brillen eineinhalb Wochen später abholbereit waren, begrüßte sie mich mit einem erfreuten „Hi, das ist ja eine Überraschung“ und wirkte genauso offenherzig wie beim letzten Mal. Nachdem wir mit der Anpassung und Abrechnung der neuen Brillen fertig waren, fragte sie etwas unsicher: „Autismus war das oder?“ „Ja, hast du dir das gemerkt?“ „Ja … deswegen hast du auch die Dinger in den Ohren, oder?“ Sie meinte meine Ohrstöpsel, die die hohen Frequenzen herausfilterten, damit mein Körper nicht so schnell gestresst war. „Ja genau, weil ich sehr lärmempfindlich bin. Und ich bin jetzt auch so froh über die Sonnenbrille, weil mich die Sonne immer so stresst.“ Sie erzählte, dass sie das Thema total spannend finde und mal eine Podcast-Folge dazu gehört habe. „Ah, deiner Reaktion beim letzten Mal nach zu urteilen, habe ich mir schon fast gedacht, dass du zumindest ein bisschen Ahnung von dem Thema hast“, sagte ich. Sie wirkte ernsthaft interessiert. Irgendwie kamen wir auf das Thema Beruf zu sprechen, und dass ich gerne Bücher schreiben wollte – unter anderem eines über meine Alltagserfahrungen als Autistin. Das fand sie eine super Idee, weil man es sich schwer vorstellen könne, wie sich das Leben für Autist:innen anfühle, aber wenn dann jemand offen davon erzählen würde, mache es das leichter nachvollziehbar. „Ich stelle es mir jedenfalls super anstrengend vor“, ergänzte sie. Irgendwann kam ein neuer Kunde in den Laden während wir redeten, und mein Gehirn war kurz überfordert. Sollte ich jetzt einfach weiterreden und die paar Sätze noch zu Ende bringen? Oder das Gespräch sofort beenden? War der Kunde genervt, weil er warten und uns zuhören musste, wie wir über etwas redeten, das gar nichts mit Augenoptik zu tun hatte? Ich konnte mich nur noch halb auf das Gespräch konzentrieren, weil all diese Gedanken parallel dazu abliefen. Ich entschied mich dann für die erste Option. Am Ende versprach sie mir noch, dass es beim nächsten Mal dann auch wieder Apfelwasser geben würde (Wasser mit Apfelscheiben, das mir beim letzten Mal als einzige Kundin sehr geschmeckt hatte). „Ach, das hast du dir auch gemerkt“, freute ich mich. „Ja, du warst sehr einprägend. Und wenn du ein Buch geschrieben hast, dann meldest dich bei mir – ich lese es hundertprozentig!“

Das waren so Begegnungen, für die ich einfach dankbar war. Die mir das Gefühl gaben, dass die Welt doch noch nicht ganz verloren war. Die mich daran erinnerten, dass wir im Kern alle miteinander verbunden waren. Und die mich leise hoffen ließen, dass ich auch als Autistin in einer neurotypischen Welt glücklich sein konnte. Ich wünschte mir eine Gesellschaft, in der alle Menschen so offen, verständnisvoll und tolerant miteinander umgingen.

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