Echte Präsenz

Was, wenn kleine Schritte kein Zeichen von Langsamkeit sind, sondern von echter Präsenz? Ja, es ist frustrierend, wenn man gerade in den Schreibflow kommt und dann direkt wieder aufhören muss, weil das Tagespensum erreicht ist. Und ja, es ist naheliegend, zu denken, dass man es dann auch gleich sein lassen kann.

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Schreiben ist meine Art, mit anderen Menschen in Verbindung zu gehen

Egal wie oft ich meine Schreibprojekte auf Eis lege, egal wie oft ich frustriert bin, weil es nur im Schneckentempo vorwärts geht, früher oder später komme ich jedes Mal wieder darauf zurück - weil es mir früher oder später jedes Mal das Herz bricht, wenn ich an meine auf Eis gelegten Schreibprojekte erinnert werde. Schreiben ist nicht einfach nur eine Tätigkeit, die ich liebe. Eigene Bücher sind nicht einfach nur ein Traum, den ich umsetzen will. Schreiben ist das, womit ich mich mir selbst und dem Universum am meisten nah fühle. Und Schreiben ist meine Art, mit anderen Menschen in Verbindung zu gehen. Wenn ich von einer Leserin das Feedback bekomme, sie kenne die Gefühle, die ich beschreibe, nur zu gut, dann erzeugt das ein Gefühl von Verbundenheit. Ein Gefühl von „ich bin nicht allein mit dem, was ich erlebe“. Es ist die Art von sozialer Interaktion, die mich nicht auslaugt, sondern erfüllt. Egal wie deprimiert und erschöpft ich bin, von dem jahrelangen Versuch, kognitiv wieder belastbarer zu werden, egal wie oft ich die Hoffnung schon aufgegeben habe, die eine Sache, für die es sich lohnt, weiterhin an ein funktionsfähiges Gehirn zu glauben, ist das Schreiben.

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Radtour

Vor kurzem bin ich eine etwas über 40km lange Strecke mit dem eBike von A nach B gefahren. In einer fremden Umgebung, durch die ich mir den Weg suchen musste. In dem Wissen, dass mich das psychisch und kognitiv fordern würde. Und in dem Wissen, dass es körperlich eine deutliche Steigerung, aber machbare Herausforderung sein würde. Als ich nach 4h am Ziel ankam, war ich stolz auf mich, es geschafft zu haben. Die Tage danach hatte ich Kopfweh, Brainfog, schwere Beine und so wenig Energie, dass Geschirr spülen wieder eine Herausforderung war und spazieren zu viel. Es ist deprimierend, aber eigentlich kann ich mit diesem Ergebnis ganz zufrieden sein, denn vor einigen Jahren wäre ich nach so einer Aktion wahrscheinlich ein halbes Jahr lang Haus- und Sofa-gebunden gewesen. Dennoch hat es die altbekannte Wut wieder hervorgerufen. Die Folgen meiner Radtour waren mal wieder eine Bestätigung, dass meine Einschränkungen nicht an fehlendem Mut oder fehlender Motivation liegen und nie lagen. Sondern an meinem Körper. Es ist traurig, dass ich dieses Bestätigung anscheinend immer noch für mich selbst brauche, da ich von Therapeuten und Ärzten zu oft etwas anderes gehört habe. Doch ich kann Symptome nicht direkt beeinflussen. Ich kann sie nur indirekt beeinflussen, indem ich meine Reaktion darauf beeinflusse. Die damit verbundene Zeitverzögerung liegt aber nicht in meiner Hand. Wer mir noch einmal etwas anderes erzählen will, dem würde ich am liebsten eine reinschlagen.Ich glaube, durch diese Aktion ist zum ersten Mal wirklich bei mir angekommen, dass meine Einschränkungen nicht mein persönliches Versagen sind und nie waren. Ich kann in meinem Leben nur das in meiner Macht stehende ändern, aber nicht alles.

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Ich bin nicht lieber allein

Ich habe schon des Öfteren den Satz „Ich bin lieber alleine“ in der ein oder anderen Ausführung von Autist:innen gehört oder gelesen. Irgendwie kann ich ihn nie zu 100% nachvollziehen, da ich es als deprimierend empfinde, ständig allein zu sein. Es ist eher gezwungenermaßen eine Notwendigkeit, um meinen Akku wieder aufzuladen. Aber es fühlt sich an, als wäre mein Gehirn nicht artgerecht, da wir Menschen eigentlich soziale Wesen sind, die einander brauchen. Eine Zeit lang kann ich die fehlende Anwesenheit von Menschen zwar durchaus genießen, aber insgesamt wäre ich lieber weniger allein. Ich wäre gerne mehr unter Menschen, hätte gerne mehr Zugehörigkeitsgefühl – aber nicht um diesen Preis: Smalltalk über mich ergehen lassen, obwohl es sinnlos und auslaugend ist; von allen möglichen Reizen erschlagen werden; das permanente Gefühl, fehl am Platz zu sein und der Versuch, mich trotzdem irgendwie der Kommunikation anzupassen, auch wenn es sich nicht authentisch anfühlt. Ich wäre nicht gern anders als ich bin, aber ich würde lieber in einer 50/50 Welt leben, anstatt als 2% Minderheit, und ein aktiveres Sozialleben haben, ohne mich tagelang davon erholen zu müssen.

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Wanderung

„Ich gehe nie wieder auf so eine scheiß Wanderung mit“, denke ich, als die Geräusche des Videospiels meines Freundes das Fass endgültig zum Überlaufen bringen. Kurz zuvor bin ich überreizt nach Hause gekommen, nachdem wir mit einer Gruppe von 12 Personen zu einer Alm gewandert sind, wo wir gegessen haben. Menschen an sich sind schon anstrengend genug, egal wie sympathisch sie wirken. Menschen, die ich nicht kenne, sind doppelt anstrengend. Das Ganze in einer fremden Umgebung dreifach anstrengend. Die Umgebungsreize beim Essen und die soziale Interaktion verlangen mir Höchstleistung ab, selbst, wenn ich mich möglichst wenig am Gespräch beteilige. Das einzig entspannte an der Wanderung und mein Highlight des Tages war auf dem Rückweg, als es in Strömen geregnet und gewittert hat. Die Menschen wurden leiser, die Natur lauter, und ich hatte einfach nur das Gefühl, ich lebe.

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Schnauze voll von Mini-Schritten und Schneckentempo

Vor vier Jahren habe ich mir einen online Schreibkurs gekauft, mit 12 Lektionen, die ursprünglich auf 12 Wochen ausgelegt waren. Ich habe den Kurs innerhalb von vier Jahren in Mini-Schritten und mit vielen wochenlangen, teilweise monatelangen Pausen durchgemacht. Die Videos haben jedes Mal wieder das gleiche Feuer in mir entfacht, das ich so stark nur vom Schreiben kenne. Am liebsten hätte ich nach jedem Teil des Schreibkurses im Anschluss jeden Tag mit Schreiben verbracht. Stattdessen musste ich zusehen, wie das Feuer oft langsam, aber sicher, wieder verglühte, da mich mein Körper ausbremste. Das ist die harte Realität mit chronischer Erschöpfung. Einerseits freue ich mich, dass ich nach vier Jahren mit dem Schreibkurs endlich durch bin und bin ein bisschen stolz auf mich, dass ich es nie endgültig aufgegeben habe. Gleichzeitig ist die Tatsachenbetrachtung unglaublich frustrierend und deprimierend. Ich habe die Schnauze voll von Mini-Schritten und Schneckentempo. Beim Schreiben ist es nochmal extra frustrierend, denn Schreiben funktioniert nicht, wenn man spätestens nach einer halben Stunde wieder aufhören muss - da fängt der Flow erst so richtig an. Deshalb habe ich mich oft mit Zucker aufgeputscht, um mich länger am Stück kognitiv betätigen zu können, was aber dann immer die Folge hatte, dass in den folgenden Tagen so gut wie gar nichts ging. Mittlerweile habe ich in Bezug auf meine Schreibprojekte eine scheiß-egal-Einstellung entwickelt, wahrscheinlich aus Selbstschutz. Nach 10 Jahren will ich es nicht mehr ertragen müssen, permanent frustriert, deprimiert und enttäuscht zu werden. Stattdessen versuche ich den Fokus auf das zu legen, was wieder geht: Muskeln aufbauen, in der Natur unterwegs sein, körperliche Tätigkeiten.

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Wann ist der Zeitpunkt erreicht, einen Traum loszulassen?

Seit fast 10 Jahren schreibe ich im Schneckentempo an einem Buch über meine persönliche Geschichte, seit mich eine EBV-Infektion aus dem Leben gerissen hat. Seit fast 10 Jahren kämpfe ich mit der kognitiven Erschöpfung, weil ich dieses Buch unbedingt schreiben will. Weil es mir meine innere Stimme seit über 10 Jahren sagt. Weil Autorin schon als Kind mein Traumberuf war. Weil mich das Schreiben glücklich macht. Mittlerweile frage ich mich oft, ist es das wirklich wert? Körperlich habe ich große Fortschritte gemacht, kann sogar wieder Sport machen, und könnte vielleicht auch einen Nebenjob mit körperlicher Arbeit anfangen. Kognitiv kann ich im Schnitt maximal eine Stunde am Tag produktiv arbeiten, habe dafür aber den ganzen restlichen Tag deutlich weniger Energie. Die Frage, die ich mir stelle, ist: Macht es überhaupt noch Sinn, weiterhin für meinen Traum vom Schreiben zu kämpfen? Oder sollte ich lieber dankbar sein, dass ich wenigstens körperlich so große Fortschritte erreicht habe und stattdessen diese nutzen? Wann ist der Zeitpunkt erreicht, einen Traum loszulassen? Vielleicht für immer, oder vielleicht auch nur bis er irgendwann ganz von selbst zu mir zurückkommt?

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Kater als Co-Regulation

Heute Morgen setzte ich mich zum Meditieren auf den Balkon – vor meinen Augen Feld und Wald, in meinen Ohren Vogelgezwitscher, in meiner Nase frische Luft. Die letzten Tage war in mir viel Aggression und dahinter Traurigkeit zum Vorschein gekommen, gepaart mit dem tiefen Gefühl, allein zu sein. Der Impuls, am liebsten alles mit Essen zu betäuben, war oft genug da. Doch hier umgeben von Natur fiel es leichter, alles da sein zu lassen. Kaum saß ich auf dem Balkon, kam der Kater ebenfalls nach draußen, legte sich neben mich auf das Sofa, mit dem Kopf an meinem Oberschenkel, ließ sich streicheln und war einfach nur da. Mit Kater, Vögeln und Bäumen hatte ich das starke Gefühl, nicht allein zu sein – auch, wenn es sich tief in meinem Inneren so anfühlte. So fiel es mir leichter, den Raum für mich zu halten. Manchmal mischte sich Sinnlosigkeit hinzu, und dann die Erkenntnis, dass ich das, was da im Innen vor sich ging, niemals mit irgendetwas im Außen kompensieren können würde. Das war einerseits deprimierend, gleichzeitig aber auch befreiend. Mit den Emotionen präsent zu sein, führte letztlich trotz der Einsamkeit zu einem Gefühl von Verbundenheit – Verbindung nicht an der Oberfläche, sondern in der Tiefe. Und ganz von selbst entstand dadurch Dankbarkeit.

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Walk with me

Neulich habe ich seit langem mal wieder den Trailer von „Walk with me“ gesehen, dem Film über Thich Nhat Hanh. Er hat wieder das Gefühl in mir ausgelöst, das ich von dem Trailer und dem Film schon kenne: endlose Freude und Glück. Kurz darauf hat es mich aggressiv gemacht. Warum? Nicht, weil ich etwas gegen den Film oder den Menschen habe. Sondern weil Aggression zurzeit meine vorherrschende Emotion ist. Bei der Ausstrahlung von solchen Filmen kann leicht das Gefühl entstehen, dass es falsch sei, irgendetwas anderes zu fühlen als Frieden. Doch es geht nicht darum, immer nur Frieden und Freude zu fühlen - das wäre absolut ungesund und nicht menschlich. Es geht vielmehr darum, mit dem was jetzt gerade da ist, im Frieden zu sein, sprich es anzunehmen und da sein zu lassen, ohne sich dagegen zu wehren. In meinem aktuellen Fall freue ich mich mittlerweile über die Aggression, weil sie mir hilft, Grenzen zu setzen und bei mir zu bleiben, weil sie Energie ist, die ich in Bewegung umwandeln kann, weil ich mich ganzer fühle, wenn ich alle Emotionen fühle, anstatt sie zu unterdrücken. Und dann bin ich automatisch im Frieden mit dem jetzigen Moment.

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Termin vereinbaren

In einem Moment, als ich wegen einer vermeintlichen Kleinigkeit am liebsten heulen würde, denkt sich ein Teil von mir: „Stell dich doch nicht so an, Steffi. So schlimm ist das jetzt auch wieder nicht.“

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Optiker Termin

Vor einer Weile stand ein Termin beim Optiker auf meiner ToDo-Liste, weil ich neue Brillen brauchte – einer dieser Termine, die ich liebend gerne wochenlang vor mir herschob, weil sie für mich mit großer Anstrengung und Anspannung verbunden waren.

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Paradox

Autistisch zu sein ist ein ständiges Paradox. Ich fühle mich allein und hätte gerne mehr soziale Kontakte, gleichzeitig brauche ich Rückzug, weil mir alles zu viel ist. Ich will dazugehören und ein Teil der Gesellschaft sein, aber will mich nicht den neurotypischen Verhaltensweisen anpassen, weil es nicht authentisch für mich ist und endlos viel Energie kostet. Ich will akzeptiert werden, so wie ich bin, aber ich will nicht als „komisch“ oder anders auffallen. Einerseits will ich mich zeigen und zur Aufklärung beitragen, andererseits will ich einfach nur meine Ruhe von der Welt. Ich will zu einer inklusiven Gesellschaft beitragen, die Brücken baut und Diversität (in egal welcher Form) schätzt, gleichzeitig fühle ich mich aber am wohlsten, wenn ich von Gleichgesinnten umgeben bin und würde mich am liebsten nur noch innerhalb dieser Blase bewegen, um Energie zu sparen. Im einen Moment feiere ich mein Leben, weil ich in meinen Spezialinteressen aufgehe, im anderen Moment hänge in depressiver Stimmung fest, weil ich keinen Bock mehr auf diese permanent überfordernde Welt habe. Ich will entweder alles auf einmal, weil ich so viel Lebensmotivation habe, wenn ich das machen kann, wofür ich brenne, oder ich will gar nichts, weil ich wieder im Meltdown, Shutdown und Burnout gelandet bin, wenn alles zu viel war. Ich will das Paradox und die Komplexität des Lebens akzeptieren, aber eigentlich liegt in meiner Natur ein Schwarz-Weiß-Denken, das eine eindeutige Lösung verlangt.

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