Ausschnitt aus "Verliebt ins Leben" - Die Zeit meines Lebens

Den Abschiedsabend konnte ich richtig genießen. Es war ein warmer Sommerabend und wir saßen auf der großen Terrasse, auf die wir durch das Fenster unseres Gruppenraums verbotenerweise immer direkten Zugang hatten. Ich war stolz auf mich (und auf uns), dass wir die Essensvorbereitung als Team so gut hinbekommen hatten. Ich war erstaunt, wie gern ich an diesem Abend im Mittelpunkt stand und auch vor der ganzen Gruppe etwas erzählte. Es fühlte sich ein bisschen an wie Geburtstag haben – nur mit einem viel besseren Gefühl als früher. Wer weiß, vielleicht würde ich in Zukunft sogar gerne Geburtstag feiern.

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Ausschnitt aus "Verliebt ins Leben" - Angekommen

Lange hatte ich geglaubt, mein Buch müsse mit einem klassischen „Happy End“ enden. Nach dem Motto: Es ist viel passiert, es war sehr herausfordernd, ich habe es irgendwie gemeistert, und jetzt ist alles gut für den Rest meines Lebens. Ich hatte gedacht, ich muss regelmäßig Sport machen können, ich muss meinen Marathon gelaufen sein, ich muss wieder auf einem Berggipfel gestanden sein, ich muss kognitiv voll belastbar sein, ich muss komplett symptomfrei sein, ich muss mein ungesundes Essverhalten immer im Griff haben, ich darf nie mehr getriggert werden, ich muss mit allem im Frieden sein und ich muss jeden Tag mein Leben lieben. Doch mir ist klargeworden: Einen Scheiß muss ich. Ich darf unperfekt sein. Ich darf mein Leben manchmal auch einfach nur zum kotzen finden. Und ich muss auch nicht „fertig“ sein mit meiner inneren Arbeit und meiner Persönlichkeitsentwicklung – denn damit werde ich solange nicht fertig sein bis ich meinen letzten Atemzug getan habe. Ich bin nicht, wie ursprünglich gedacht, an einem äußeren Ziel angekommen, sondern im Jetzt. Angekommen in dem Gefühl von nie ankommen. Und gleichzeitig immer ankommen, denn es ist immer Jetzt. Ich lebe viel intensiver als früher, weil ich mit mir selbst und dem Leben verbunden bin.

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Ausschnitt aus "Verliebt ins Leben" - Straßenmusik

Die schönsten Momente waren die, in denen man über sich selbst hinauswuchs. Die Momente, in denen einem klar wurde, wie krass weit man schon gekommen war, und dass sich die harte Arbeit gelohnt hatte. So einen Moment hatte ich, als ich nach der Therapiestunde noch in der Stadt unterwegs war. Da ich Zeit zu überbrücken hatte, saß ich im hintersten Eck meines Stammcafés von früher. Ich schrieb in mein Notizbuch und las ein paar Seiten von ‚Eat Pray Love‘. Vor allem aber freute ich mich über die Musik, die aus dem Lautsprecher über mir kam. Es waren verschiedene Akustikversionen von bekannten Songs. Ich konnte die Musik wieder in mir fühlen. Und zwar nicht nur die, die tröstete oder mich durch depressive Stimmungen trug, sondern auch die Musik, die einfach nur glücklich machte. Wie hatte ich das vermisst! Und als ich da so saß, mein Herz im Takt der Musik schlagend, nahm ich mir fest vor, mich endlich zu einem Gesangskurs anzumelden – was ich schon lange im Sinn gehabt hatte.

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Ausschnitt aus "Verliebt ins Leben" - Kettenhemd

Wenn ich mich überanstrengte – egal ob körperlich oder geistig – bekam ich je nach Grad der Überanstrengung meistens ein, zwei oder drei Tage stärkeres Kopfweh, und anschließend folgte die gleiche Anzahl an Tagen ohne Kopfweh, aber dafür mit einer bleiernen Müdigkeit, die mir jegliche Kraft raubte und sich anfühlte, als würde ein schweres Kettenhemd über mir liegen und jedes einzelne Körperteil mit doppelter Schwerkraft nach unten ziehen. Das Einzige, was ich in diesem Zustand machen konnte, war, mich hinzulegen und abzuwarten. Denn jeder Versuch, mit Bewegung gegen die Erschöpfung anzukämpfen, machte es nur noch schlimmer. Immerhin konnte ich selbst an den schlimmsten Tagen immer am Esstisch in der Küche essen, auch wenn es mir schwerfiel, aufrecht zu sitzen.Hatte ich mich dann endlich wieder erholt, folgte meistens die nächste Aktivität und das ganze Spiel ging von vorne los. Wobei „Aktivität“ in diesem Zusammenhang vermeintliche Kleinigkeiten waren, wie zum Beispiel mich eine halbe Stunde mit jemandem zu unterhalten, eine kleine Runde spazieren zu gehen oder zu einem Arzttermin in die Stadt zu fahren.Ich wusste aus eigener Erfahrung, dass es auch Arten von Müdigkeit gab, die man (in gesundem Zustand) eine gewisse Zeit lang bis zu einem gewissen Grad ignorieren konnte. Beispielsweise würde man nach einer Nacht mit weniger Schlaf einen Arbeitstag trotzdem irgendwie überstehen. Oder wenn man nach einem anstrengenden Tag müde war, sich für den Abend aber schon verabredet hatte, würde man es dennoch schaffen, sich eine Weile zu unterhalten. Und genau das war vermutlich der Grund, weshalb es vielen Menschen schwerfiel, zu verstehen, wie man tatsächlich zu müde und erschöpft sein konnte, jemanden zu treffen, zu telefonieren oder eine Runde spazieren zu gehen – und das, obwohl man die ganze Nacht geschlafen und auch keinen anstrengenden Arbeitstag hinter sich hatte. Doch diese Art von Müdigkeit ließ sich weder kurzfristig wegignorieren, noch half ausreichend schlafen. Oft genug wachte ich am Morgen nach neun Stunden Schlaf auf, und fühlte mich noch kaputter als am Abend zuvor. Und wenn ich es trotzdem schaffte, mich zu irgendetwas halbwegs aktivem aufzuraffen, fühlte sich das oben erwähnte Kettenhemd danach ungefähr doppelt so schwer an.

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