Ausschnitt aus "Verliebt ins Leben" - Kettenhemd

Veröffentlicht am 30. April 2026 um 09:23

Wenn ich mich überanstrengte – egal ob körperlich oder geistig – bekam ich je nach Grad der Überanstrengung meistens ein, zwei oder drei Tage stärkeres Kopfweh, und anschließend folgte die gleiche Anzahl an Tagen ohne Kopfweh, aber dafür mit einer bleiernen Müdigkeit, die mir jegliche Kraft raubte und sich anfühlte, als würde ein schweres Kettenhemd über mir liegen und jedes einzelne Körperteil mit doppelter Schwerkraft nach unten ziehen. Das Einzige, was ich in diesem Zustand machen konnte, war, mich hinzulegen und abzuwarten. Denn jeder Versuch, mit Bewegung gegen die Erschöpfung anzukämpfen, machte es nur noch schlimmer. Immerhin konnte ich selbst an den schlimmsten Tagen immer am Esstisch in der Küche essen, auch wenn es mir schwerfiel, aufrecht zu sitzen.
Hatte ich mich dann endlich wieder erholt, folgte meistens die nächste Aktivität und das ganze Spiel ging von vorne los. Wobei „Aktivität“ in diesem Zusammenhang vermeintliche Kleinigkeiten waren, wie zum Beispiel mich eine halbe Stunde mit jemandem zu unterhalten, eine kleine Runde spazieren zu gehen oder zu einem Arzttermin in die Stadt zu fahren.
Ich wusste aus eigener Erfahrung, dass es auch Arten von Müdigkeit gab, die man (in gesundem Zustand) eine gewisse Zeit lang bis zu einem gewissen Grad ignorieren konnte. Beispielsweise würde man nach einer Nacht mit weniger Schlaf einen Arbeitstag trotzdem irgendwie überstehen. Oder wenn man nach einem anstrengenden Tag müde war, sich für den Abend aber schon verabredet hatte, würde man es dennoch schaffen, sich eine Weile zu unterhalten. Und genau das war vermutlich der Grund, weshalb es vielen Menschen schwerfiel, zu verstehen, wie man tatsächlich zu müde und erschöpft sein konnte, jemanden zu treffen, zu telefonieren oder eine Runde spazieren zu gehen – und das, obwohl man die ganze Nacht geschlafen und auch keinen anstrengenden Arbeitstag hinter sich hatte. Doch diese Art von Müdigkeit ließ sich weder kurzfristig wegignorieren, noch half ausreichend schlafen. Oft genug wachte ich am Morgen nach neun Stunden Schlaf auf, und fühlte mich noch kaputter als am Abend zuvor. Und wenn ich es trotzdem schaffte, mich zu irgendetwas halbwegs aktivem aufzuraffen, fühlte sich das oben erwähnte Kettenhemd danach ungefähr doppelt so schwer an.

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