Vier Leben

Veröffentlicht am 11. Mai 2026 um 16:01

Lange Zeit war mein Leben das genaue Gegenteil von dem, was Bosse in seinem Lied „Vier Leben“ beschreibt. Aber sobald es gesundheitlich bergauf geht, will ich am liebsten alles auf einmal machen – schreiben, in der Natur sein, Sport machen, backen, lesen, musizieren. Ich habe das Gefühl, ich muss die letzten neun Jahre nachholen. Ich will schließlich noch leben bevor ich sterbe. Der Tag hat auf einmal nicht mehr zu viele Stunden, sondern zu wenig.

Aber was nützt es mir, wenn ich jetzt durch mein Leben renne, um möglichst viel zu schaffen, möglichst viel zu erleben? Zum einen ist es dann nur eine Frage der Zeit bis ich mit allem überfordert bin, zum anderen würde ich in neun Jahren vermutlich wieder das Gefühl haben, die letzten neun Jahre nachholen zu müssen – weil ich nicht wirklich hier gewesen bin. Also bin ich lieber so präsent im Jetzt wie nur möglich, um jeden einzelnen Moment voll zu leben. Ganz nach dem Motto: weniger ist mehr.

Genau genommen muss ich die letzten neun Jahre auch gar nicht nachholen – denn mein Leben war genau so richtig wie es war. Ohne die letzten neun Jahre wäre ich heute nicht die, die ich bin. Die Erfahrungen sind ein Teil meines Weges, und zwar ein sehr wertvoller. Das einzige, was es im Leben wirklich nachzuholen gäbe, sind die Momente, in denen man nicht voll und ganz präsent war, sondern nur unbewusst durch gehetzt oder durch gerannt ist, um zum nächsten Moment zu kommen – so als hätten wir vier Leben.

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