Nach vielen versendeten Mails, vielen Absagen und wiederholtem vertröstet werden entschied ich mich irgendwann, die ASS (Autismus-Spektrum-Störung) Diagnostik auf eigene Kosten in einer Privatpraxis zu machen. Bei einer Praxis ließ ich mich auf die Warteliste setzen, bei einer anderen konnte ich direkt einen Termin vereinbaren. Und so hatte ich ungefähr ein Jahr nach meinem ersten Verdacht den ersten Termin für eine Diagnostik, in den ich große Hoffnungen setzte, bald endlich die Erleichterung schwarz auf weiß zu haben.
Doch leider war das Gegenteil der Fall und der Termin fiel ziemlich enttäuschend aus. Es war zunächst nur das Erstgespräch, das bereits Teil der Diagnostik war, und nach welchem gemeinsam entschieden werden sollte, ob die weitere Diagnostik sinnvoll sein würde. Das Ganze wirkte eher unprofessionell und das Gespräch dauerte nicht wie angekündigt 50min, sondern 2h. Ich hatte während des Gesprächs schon kein gutes Gefühl, die Therapeutin war mir vom ersten Moment an unsympathisch gewesen, und ich fühlte mich (wieder einmal) nicht wirklich ernst genommen und nicht verstanden. Beispielsweise zum Thema ‚Wohnen in der Stadt‘ meinte sie nur: „Das haben sie jetzt schon mehrfach erwähnt, dass Sie sich in der Stadt so unwohl fühlen. Warum ziehen Sie denn nicht einfach um?“ Die erste Einschätzung am Ende des Gesprächs war dann, ich sei womöglich neorodivergent und habe eine hohe Intelligenz, sei aber nicht autistisch. Obwohl ihre Argumente dafür teilweise sehr von meinem bisherigen Wissen abwichen, wusste ich zunächst selbst nicht mehr, was ich glauben sollte. Hatte ich mir vielleicht doch alles nur eingebildet? Doch eine Freundin machte mir zum Glück sehr schnell klar, dass ich mir dringend andere Diagnostiker suchen sollte. Außerdem begann ich ein neues Buch zu lesen („Women and Girls on the Autism Spectrum“ von Sarah Hendrickx), was mich sofort wieder darin bestätigte, dass ich mich eindeutig bei weiblichem Autismus sah. Wie sich später im Austausch mit anderen (über eine Facebook Gruppe) herausstellte, schien die Therapeutin, bei der ich gelandet war, sehr veraltete Methoden anzuwenden und hatte sich offensichtlich in den letzten Jahren nicht weitergebildet, vor allem was die Themen weiblicher Autismus und Masking anging. Das Argument, ein Autist würde nicht erzählen „Ich esse jeden Tag Haferflocken, Nüsse und Kerne zum Frühstück …“ sondern stattdessen sagen „… 50g Haferflocken, 10g Walnüsse, 10g Sonnenblumenkerne, und wenn es falsch abgewogen ist, muss ich nochmal von vorne anfangen“ war fachlich genauso falsch gewesen wie die Behauptung, Dissoziation sei sehr untypisch für Autismus und nur typisch für Trauma. Ebenso falsch waren ihre Aussagen gewesen, dass Autisten die Energien und Emotionen von anderen Menschen nicht aufnehmen würden, und wenn ich irgendwie in der Lage sei, Small Talk zu führen, könne ich nicht autistisch sein.
Es gab offensichtlich große Unterschiede, was die Kompetenz von Diagnostikstellen anging, weshalb es ratsam war, wachsam zu sein und die eigene Intuition mindestens genauso ernst zu nehmen wie die Einschätzung von außen. In dieser Praxis wollte ich die Diagnostik jedenfalls nicht fortführen.
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