Ausschnitt aus "Verliebt ins Leben" - Die Zeit meines Lebens

Veröffentlicht am 18. Mai 2026 um 15:03

Den Abschiedsabend konnte ich richtig genießen. Es war ein warmer Sommerabend und wir saßen auf der großen Terrasse, auf die wir durch das Fenster unseres Gruppenraums verbotenerweise immer direkten Zugang hatten. Ich war stolz auf mich (und auf uns), dass wir die Essensvorbereitung als Team so gut hinbekommen hatten. Ich war erstaunt, wie gern ich an diesem Abend im Mittelpunkt stand und auch vor der ganzen Gruppe etwas erzählte. Es fühlte sich ein bisschen an wie Geburtstag haben – nur mit einem viel besseren Gefühl als früher. Wer weiß, vielleicht würde ich in Zukunft sogar gerne Geburtstag feiern.

Wir hatten ziemlich viel Spaß dabei, die Gruppentherapie von diesem Nachmittag den restlichen Tag fortzuführen. Es war darum gegangen, für seine persönlichen Bedürfnisse einzustehen und diese auch eindeutig zu kommunizieren. Das Erste, was ich nach der Therapiestunde getan hatte, war gewesen, meine WhatsApp-Nachricht zu korrigieren, die ich zuvor in unsere Gruppe gestellt gehabt hatte.

 

Von: „Hey ihr, also heute Abend gibt’s um ca. 19 Uhr Bruschetta. Wenn die Mehrheit dafür ist, können wir gern draußen essen …und falls ich mir was wünschen darf, dann dass wir noch ein letztes Mal zusammen singen.“

Zu: „So jetzt kommt die verbesserte Version: Heute Abend gibt’s um ca. 19 Uhr Bruschetta. Ich bin dafür, dass wir bei dem schönen Wetter draußen essen. Und danach würde ich gerne nochmal mit euch singen, am liebsten auch draußen.“

 

Der Abend verlief dann ungefähr so: „Kannst du mir mal bitte das Brot geben?“ – „Hast du das Bedürfnis, dass ich dir das Brot reiche?“ Oder: „Also ich habe das Bedürfnis, heute nicht Abspülen zu müssen.“ Oder: „Ich habe das Bedürfnis, nachher noch ein letztes Mal Uno mit euch zu spielen.“

Im Laufe des Abends erzählte Stefan, der erst Anfang der Woche gekommen war, über sich. „So, jetzt kennt ihr meine Geschichte.“ Dazu konnte ich nur sagen: „Jetzt finde ich es schade, dass ich morgen fahre.“ „Das finde ich auch schade, muss ich ehrlich sagen.“ Ich weiß nicht warum, aber das traf mich irgendwie ins Herz. Und es zeigte mir, dass es sich lohnt, sich vor einer Gruppe authentisch zu zeigen – auch, oder vor allem, dann, wenn man noch nicht alle Mitglieder einzeln gut kennt. Denn dann zieht man automatisch die Menschen an, die man selber auch sympathisch findet. Ich wusste, dass er auch Gitarre spielte, überzeugte ihn, vor der Gruppe zu spielen (Wer konnte die Angst davor schließlich besser nachvollziehen als ich?) und drückte ihm meine Gitarre in die Hand. Als er anfing, „Country Roads“ zu spielen und zu singen, war ich so beeindruckt, dass ich einen Moment lang komplett vergaß, dass ich eigentlich auch mitsingen wollte.

Wir sangen als Gruppe zusammen ein paar Lieder und spielten eine Runde Uno. Zwischendurch fand ich einen ruhigen Moment, um eine Weile am Terrassengeländer zu stehen und den Blick ein letztes Mal über Bad Berleburg und die Umgebung schweifen zu lassen, während am dämmernden Himmel schon der Mond zu sehen war. Wenn ich das nächste Mal den Mond so sehen würde, würde ich an diesen Moment zurückdenken, dachte ich.

Irgendwann bekamen Max und ich unsere Abschiedsgeschenke überreicht. Eine Tasse mit Unterschriften und ein Notizbuch mit Fotos und persönlichen Texten von unseren Mitpatient:innen. Ich war zu diesem Zeitpunkt bereits schon so platt von all den Eindrücken des Tages, der Woche, ja der letzten zwei Monate, dass ich nicht viel mehr dazu sagen konnte als: „Ich habe jetzt das Bedürfnis, euch alle zu umarmen.“

 

„Guten Morgen. Ein letztes Mal: Ich habe keine Corona Symptome“, meldete ich mich bei Frau H im Dienstzimmer. Nach Zimmer räumen und Abschlussgespräch mit Frau B blieb sogar noch Zeit, um mit Stefan ein bisschen Gitarre zu spielen, bevor ich mich für meine Abreise bereit machte. Ich war fasziniert davon, wie er die Akkorde für jeden beliebigen Song einfach nach Gehör spielen konnte. Auch nach so kurzer Zeit hatte dieser Mensch bei mir auf jeden Fall bleibenden Eindruck hinterlassen. Beim Abschlussgespräch hatte Frau B mich für meine gute Mitarbeit gelobt und mit den Worten „Frau Port. Ich wünsche Ihnen alles Gute. Hauen Sie rein! Rocken Sie Ihr Leben!“ verabschiedet. Ich mochte Abschiede generell nicht, und noch weniger, wenn Sie endgültig waren. „Es ist voll komisch, das letzte Mal ‚Tschüss‘ zu sagen.“ „Ja, das ist es. Auf Wiedersehen.“ „Auf Wiedersehen.“

 

Als ich mich von allen verabschiedete, jeden einzelnen nochmal fest umarmte, meine Sachen in Beates Auto lud, ein letzter Blick und ein letztes Mal Winken beim Wegfahren, um dann endgültig das Klinikgelände zu verlassen, das in den letzten zwei Monaten ein Zuhause für mich geworden war – das Gefühlschaos in mir ließ sich nicht in Worte fassen. Auf dem Weg zum Bahnhof bemerkte Beate neben mir, wie nahe Traurigkeit und Freude doch beieinander lagen. „Und Dankbarkeit“, ergänzte ich in Gedanken, denn der Kloß in meinem Hals war zu groß, um zu reden.

Kurz darauf saß ich auch schon allein mit meinen sieben Sachen im Zug Richtung Köln, und in dem Moment, als dieser sich in Bewegung setzte, spürte ich ganz deutlich eine unsichtbare Kraft, die mich zurück zur Klinik zu ziehen schien. Alles in mir wehrte sich dagegen, dass der Zug aus Bad Berleburg hinausfuhr. Ich wollte nicht weg aus dieser Umgebung hier und von all den Menschen, die ich so liebgewonnen hatte – auch wenn ich natürlich wusste, dass die anderen früher oder später alle abreisen würden oder sogar schon vor mir abgereist waren. Mit einem letzten Blick zurück aus dem Fenster flossen erst einmal eine Weile die Tränen. Ich hatte das Gefühl, als würde ich die ganze Situation von oben betrachten und mir mein Leben als Film anschauen. Die drei-stündige Fahrt inklusive einmal Umsteigen verging wie im Flug. Ich war komplett in Gedanken versunken und nahm die schöne Landschaft vor den Zugfenstern nur halb wahr. Als ich irgendwann im Laufe der Fahrt die Aufnahme von unserem selbstgeschriebenen Song anhörte, musste ich direkt wieder weinen. In meinem ganzen Leben hatte ich noch keinen so emotionalen Abschied erlebt wie diesen.

 

Es fühlt sich komisch an, zu sagen, dass ein Klinikaufenthalt die Zeit meines Lebens war. Aber besser kann man es wohl nicht beschreiben. Ja, trotz des permanenten körperlichen, psychischen und emotionalen Auf und Ab hatte ich in der Klinik Wittgenstein die Zeit meines Lebens – was sicher nicht zuletzt daran lag, dass ich nach so langem allein sein, jeden Tag tolle Menschen um mich hatte, ein Gemeinschaftsgefühl, das ich so lange vermisst hatte, und das alles inmitten von schöner Natur. Es war eine Zeit, die auch ein Jahr später noch jedes Mal für einen Stich ins Herz sorgen würde, wenn ich durch irgendetwas daran erinnert werden würde. Eine Zeit, auf die ich immer mit einem weinenden und einem lachenden Auge zurückblicken würde. Eine Zeit, die so intensiv war, dass es sich anfühlte, als hätte ich einen Teil meines Herzens für immer an diesem Ort gelassen.

Ich fragte mich oft, warum mir der Abschied aus der Klinik so unglaublich schwergefallen war. Zum einen lag es vermutlich daran, dass ich mich zu dem Zeitpunkt nirgendwo richtig daheim fühlte und innerlich auf der Flucht war, aber die Klinik hatte sich nach einem sicheren Ort angefühlt. Zum anderen war, glaube ich, der entscheidende Punkt, dass man die Menschen dort von Anfang an auf einer ganz anderen Ebene, in einer ganz anderen Tiefe kennenlernt. Man sieht viel schneller als im „normalen“ Leben über die Hülle, bestehend aus Aussehen, Hobbys oder Beruf, hinweg und nimmt den Menschen dahinter wirklich wahr – mit all seinen Verletzungen, Ängsten, Eigenheiten – und stellt dabei fest, dass wir im Kern doch alle gleich sind. Wenn man sich selbst komplett öffnet und verletzlich zeigt, gibt das dem Gegenüber die Möglichkeit das gleiche zu tun – und das schweißt innerhalb kürzester Zeit zusammen.

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