Lange hatte ich geglaubt, mein Buch müsse mit einem klassischen „Happy End“ enden. Nach dem Motto: Es ist viel passiert, es war sehr herausfordernd, ich habe es irgendwie gemeistert, und jetzt ist alles gut für den Rest meines Lebens. Ich hatte gedacht, ich muss regelmäßig Sport machen können, ich muss meinen Marathon gelaufen sein, ich muss wieder auf einem Berggipfel gestanden sein, ich muss kognitiv voll belastbar sein, ich muss komplett symptomfrei sein, ich muss mein ungesundes Essverhalten immer im Griff haben, ich darf nie mehr getriggert werden, ich muss mit allem im Frieden sein und ich muss jeden Tag mein Leben lieben. Doch mir ist klargeworden: Einen Scheiß muss ich. Ich darf unperfekt sein. Ich darf mein Leben manchmal auch einfach nur zum kotzen finden. Und ich muss auch nicht „fertig“ sein mit meiner inneren Arbeit und meiner Persönlichkeitsentwicklung – denn damit werde ich solange nicht fertig sein bis ich meinen letzten Atemzug getan habe. Ich bin nicht, wie ursprünglich gedacht, an einem äußeren Ziel angekommen, sondern im Jetzt. Angekommen in dem Gefühl von nie ankommen. Und gleichzeitig immer ankommen, denn es ist immer Jetzt. Ich lebe viel intensiver als früher, weil ich mit mir selbst und dem Leben verbunden bin.
Entgegen der ursprünglichen Vorstellung wird auch niemals alles gut sein, denn so läuft das Leben nicht. Es gibt keine Medaille, die nur eine Seite hat. Ich werde für den Rest meines Lebens sowohl angenehme, als auch unangenehme Erfahrungen machen – komplett unabhängig davon, ob ich mich als krank oder gesund bezeichnen würde. Wenn ich eine Herausforderung gemeistert habe, wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis mir das Leben die nächste vor die Füße klatscht. Aber das ist okay. Es geht nicht darum, was ich erlebe, sondern wie ich damit umgehe. Wahres Glück entsteht, wenn ich dem Ganzen nicht wertend begegne und alles sein darf. Traurigkeit und Freude, Einsamkeit und Verbundenheit, Verzweiflung und Hoffnung, Sinnlosigkeit und Dankbarkeit dürfen nebeneinander existieren.
In den letzten Jahren war oft, sobald ich mich für einen Moment gut gefühlt hatte oder glücklich gewesen war, die Angst in meinem Hinterkopf aufgetaucht, dass irgendetwas Schlimmes passieren könnte, und dass mir früher oder später sowieso alles wieder genommen werden würde. Als ich eines Abends auf meinem Bett lag, Musik hörte und mein Blick auf ein Foto von mir auf Amrum bei Sonnenuntergang am Strand fiel, war ich traurig und gleichzeitig glücklich und eben diese Angst war auch wieder da. Ich nahm sie bewusst wahr, genau wie die anderen Emotionen, und da wurde mir plötzlich klar: Das Leben würde immer eine Achterbahnfahrt bleiben. Alles, was ich mir im Außen aufbaue, kann mir jederzeit wieder genommen werden, das kann ich so oder so nicht beeinflussen – ob mit oder ohne Angst. Aber die Fähigkeit des Beobachtens und bewussten Wahrnehmens, egal was passiert und egal welche Emotionen gerade da sind, die kann mir nicht mehr genommen werden. Und die ist der eigentliche Grund, warum ich glücklich bin.
Im Laufe der Zeit war ich irgendwann an dem Punkt angekommen, dass ich selbst in den Momenten, in denen ich mein Leben verfluchte und Gedanken hatte wie „Ich hasse mein scheiß Leben“ oder „Ich habe keinen Bock mehr“ oder „Wenn mich irgendjemand vorher gefragt hätte, wäre ich sicher nicht freiwillig auf diesen Planeten gekommen“ gleichzeitig hinter diesen Gedanken einen Lebenswillen spürte, das Gefühl weiterleben zu wollen, nicht zu müssen, Dankbarkeit für mein Leben, für das Auf und Ab, für die Entwicklung, die ich dadurch hinlegen durfte, und dass ich tief im Inneren mein Leben eigentlich gar nicht mehr verfluchen wollte, sondern einfach nur Frieden schließen mit der endlosen Achterbahnfahrt. Der Songtext von Linkin Park „I tried so hard and got so far, but in the end it doesn’t even matter” hatte auf einmal eine Leichtigkeit in sich, und nicht mehr diese endlose Schwere.
Letztlich geht es nicht darum, dass am Ende alles gut ist – sondern vielmehr um die Menschen, mit denen man den Shit gemeinsam rockt; um das, was man unterwegs über sich selbst herausfindet; um die Stärke, die man dazugewinnt; um die kleinen Momente zwischendurch, in denen man spontan die Musik aufdreht und durch die Wohnung tanzt; um den Duft von Zimt im frisch gekochten Apfelmus.
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