Nachdem ich aufgrund eines Stechens in der Brust, das mir ziemlich Angst gemacht hatte, zum Hausarzt gegangen war, hatte dieser mich an eine Gemeinschaftspraxis von Internisten überwiesen. Den Termin hierfür musste ich selbst vereinbaren, und so schilderte ich der Arzthelferin am Telefon einfach nur meine Symptome und die Reaktion meines Hausarztes, der mein EKG nicht eindeutig hatte deuten können. Sie gab mir sehr zeitnah einen Termin, worüber ich etwas verwundert war, und der – wie sich später herausstellte – als „Notfalltermin“ freigehalten worden war. Das war vermutlich schon der erste Grund, warum die Ärztin bei dem Termin dann der Meinung war (oder jedenfalls vermittelte sie mir das Gefühl), ich sei ein Hypochonder. Es wurden einige Untersuchungen gemacht, darunter auch ein Belastungs-EKG. Ich wusste eigentlich, dass mir das nicht guttun würde, wollte mich aber auch nicht weigern, da ich mich ohnehin schon nicht ernst genommen fühlte mit meiner gesamten Symptomatik.
„Sie haben die Fitness einer 80-Jährigen“, sagte sie anschließend in vorwurfsvollem Tonfall zu mir. Warum ich denn nicht einfach Sport machen, es zumindest versuchen würde, wollte sie dann wissen. Ich war so perplex über die Frage, dass ich zunächst gar nicht wusste, was ich darauf antworten sollte. Bei mir führte ja oft schon ein kurzer Spaziergang zu einer Zustandsverschlechterung, warum um Himmels Willen sollte ich also auf die Idee kommen, Sport zu machen?! „Weil ich Kopfweh davon bekomme“, brachte ich dann als Antwort heraus. Dass sich im Nachgang auch die Erschöpfungssymptome verstärkten, explizit zu erwähnen, kam mir irgendwie in dem Moment nicht in den Sinn, dafür hatte ich zu wenig Zeit um nachzudenken. Sie meinte dann sinngemäß in etwa, dass sich das mit dem Kopfweh psychisch verfestigen könnte und sagte zu mir: „Ich glaube, sie brauchen Hilfe“, als ob ich eine psychische Erkrankung hätte. Und: „Sie haben mit Sicherheit auch einen Eisenmangel, so sehen Sie nämlich aus.“ Damit hatte sie vermutlich nicht ganz Unrecht, aber ein Eisenmangel konnte nicht der Grund sein, dass es mir so ging wie es mir ging. Eisenmangel hatte ich vor dem Drüsenfieber auch schon gehabt.
Schließlich verschrieb sie mir Physiotherapie, weil das Stechen in der Brust wohl von schlechter Körperhaltung kommen würde. Zudem bekam ich einen Überweisungsschein, auf dem das Wort „Somatisierungsstörungen“ stand, und wurde damit in eine neurologisch-psychiatrische Praxis geschickt. Ich fühlte mich nicht ernst genommen, war frustriert, deprimiert und wütend. Gleichzeitig begann ich an mir selbst und meiner persönlichen Wahrnehmung zu zweifeln, obwohl ich mir eigentlich sicher war, dass ich eine körperliche Krankheit hatte.
Die Physiotherapie tat mir diesbezüglich gut, dass ich aus dem Haus kam und Gesellschaft hatte, die jedoch zeitlich auf 20min begrenzt war, ohne dass ich mich dafür erklären musste. Aber die mir gezeigten Übungen konnte ich zu Hause nicht umsetzen, weil sie meinen Zustand verschlechterten.
Bestätigt wurde mein Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, als ich eine Weile später wegen einer Blasenentzündung in einer mir bisher unbekannten Praxis war. Es war an einem Wochenende, deswegen konnte ich nicht zu meinem Hausarzt gehen. Als das Thema EBV aufkam, berichtete ich kurz, wie es mir ging – zum Beispiel, dass ich nach einer Stunde mit einer Freundin reden den Rest des Tages Kopfweh hatte, oder dass ich nach 10min Fahrrad fahren eine Woche lang total erschöpft war. Ich fragte den Arzt, ob er zufällig einen Tipp habe, aber auf meine Beschreibung hin, schaute er mich an, als wäre gerade ein Alien vor ihm gelandet, und meinte nur: „Nein, da weiß ich jetzt auch nichts.“
Etwa ein Jahr später war ich aufgrund eines Hautauschlags bei einem anderen Allgemeinmediziner. Als er wissen wollte, ob ich Medikamente oder sonst irgendetwas einnahm, erwähnte ich meine Nahrungsergänzungsmittel. Zu Vitamin D war seine Meinung: „Vitamin D ist eine Heilpraktikersau, die durch’s Dorf gejagt wird, und für junge, gesunde Menschen überflüssig.“ Ich bemerkte: „Aber ‚gesund‘ stimmt ja nicht.“ Woraufhin ich mir anhören durfte: „Aber sie sind ja nicht gelähmt, sie können doch rausgehen.“ Ich ließ es so stehen, weil ich keinen Nerv und keine Kraft mehr hatte, mich Leuten zu erklären, die offensichtlich keine Ahnung hatten. Aber nachdem ich die Praxis verlassen hatte, war ich innerlich auf 180 und wusste nicht, wohin mit meiner Wut.
Es wäre zwar frustrierend, aber akzeptabel, wenn ein Arzt mir sagen würde: „Ihre Symptomatik ist von der Schulmedizin zu wenig erforscht, deswegen kann ich Ihnen leider nicht helfen. Versuchen Sie es doch mit alternativen Heilmethoden.“ Aber es ist nicht okay, wenn man angeschaut wird, als hätte man nicht mehr alle Tassen im Schrank, oder mit „Somatisierungsstörungen“ zum Neurologen überwiesen wird.
Erfahrungen dieser Art führten dazu, dass ich generell nur noch sehr ungern zu Ärzten ging – egal wegen was. Denn noch mehr Enttäuschungen oder nicht ernst genommen werden war schwer zu verkraften. Meine Situation an sich war ja schon frustrierend genug.
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