Ausschnitt aus "Verliebt ins Leben" - Glück

Veröffentlicht am 18. Mai 2026 um 14:59

10.03.22

Manchmal wache ich morgens auf, fühle mich alles andere als gesund, aber bin einfach nur glücklich über die Tatsache, dass ich existiere, dass ich im Moment lebe, dass ich mit dem ganzen Universum verbunden bin. Unglaublich. Wie kann man so viel Glück und Freude spüren, ohne irgendetwas zu machen? Indem man einfach nur existiert. Und seinen Verstand abschaltet. Und dabei ist es auch völlig egal, ob ich gerade Kopfweh habe, keine Kraft in den Beinen, mich schlapp fühle. Ich nehme einfach nur meinen Körper wahr und weiß, dass er sich unter den richtigen Voraussetzungen ganz von selbst heilen wird, wenn ich ihn einfach machen lasse.

Die Gegenstände in meiner Wohnung kommen mir auf einmal so überflüssig vor. Ich könnte genauso gut in einem komplett leeren Raum sitzen und wäre mindestens genauso glücklich. Ich habe eher das Gefühl, dass die ganzen Farben hier meinen Geist beunruhigen. Auf einmal habe ich auch nicht mehr das Bedürfnis, mit Essen meine Stimmung zu heben, ich esse nur um meinem Körper etwas Gutes zu tun. Und ich will mich nicht mehr mit sinnloser Handynutzung oder Serien ablenken. Ich will nur die Freude spüren, die aus meinem Inneren kommt. Ich will, dass es nie mehr weggeht, dieses Glücksgefühl, in dem Zeit und Raum egal sind.

 

Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, das Zitat aus Dan Millmans ‚Der Pfad des friedvollen Kriegers‘ wirklich zu leben: „Wie spät ist es? – Jetzt. Wo sind wir? – Hier.“ Und zum ersten Mal konnte ich wirklich nachvollziehen, wie Eckhart Tolle zwei Jahre glücklich auf Parkbänken verbringen konnte. Ich hatte etwas in mir gefunden, das mir keiner mehr nehmen konnte. Etwas, das schon immer da gewesen war, immer da ist und immer da sein wird. Wie ein Diamant, dessen Glanz von einer sehr dicken Staubschicht verdeckt wurde, die in den letzten Jahren mehr und mehr beseitigt geworden war. Und plötzlich wusste ich, es war vollkommen egal, ob ich jemals wieder Laufen gehen würde, ob ich jemals wieder auf einem Berggipfel stehen würde, ob ich Energie zum Musikmachen hatte … denn nichts davon würde mich je wieder so glücklich machen können wie die pure Freude und Liebe, die aus meinem Inneren kamen.

 

Im Jetzt angekommen löste sich jeglicher Stress automatisch auf. Ich dachte mir beispielsweise beim Geschirr spülen nicht: „Ich muss möglichst schnell fertig werden, damit ich danach noch xy machen kann.“ Ich dachte mir beim Schreiben nicht: „Ich will unbedingt eine Seite fertigkriegen, damit ich vorwärtskomme.“ Das Einzige, worauf ich mich fokussierte, war die Tätigkeit in diesem Moment und nicht das erwünschte Ergebnis. Ich hatte nicht mehr das Bedürfnis, an irgendein Ziel zu kommen, weil ich schon angekommen war. Das erwünschte Ergebnis würde dann ganz von selber zum richtigen Zeitpunkt erreicht werden.

Ich vermutete, mit dem gesundwerden war es ganz genauso. Es konnte zwar sehr hilfreich sein, regelmäßig Gesundheit zu visualisieren, aber nur zu bestimmten Zeiten, wenn man sich bewusst darauf konzentrierte. Ansonsten durfte man den Körper so annehmen wie er jetzt gerade war, und erlaubte ihm somit, ohne Stress zu heilen. Denn Stress entstand in erster Linie dadurch, dass man sich gegen den jetzigen Moment wehrte. Leiden entstand nie durch eine Situation an sich, sondern durch den Widerstand gegen diese Situation.

Bei so einer entspannten Einstellung hatte man oftmals fälschlicherweise das Gefühl, „aufzugeben“, weil man nicht mehr permanent daran festhielt, endlich wieder gesund sein zu wollen. Es lag jedoch in der Natur, dass sie wachsen, heilen, leben wollte. Unter den richtigen Bedingungen würde jede Blume blühen, jeder Baum gen Himmel wachsen, jeder Grashalm aus der Erde sprießen. Wenn Natur zerstört wurde, beispielsweise nach einem Waldbrand, schien es oft wie ein Wunder, wie schnell dort wieder neues Leben entstand. Die Natur stresste sich aber nicht, dass sie schnellstmöglich wieder heil sein musste. Sie nahm sich so viel Zeit wie sie brauchte. Wenn man versuchen würde, einen Baum nach oben zu ziehen, würde er deswegen sicher nicht schneller wachsen – im Gegenteil. Ich liebte den Spruch von Laotse: „Die Natur hat keine Eile, dennoch gelangt sie stets ans Ziel.“ Alles im Leben hatte seine Zeit – die Kunst bestand darin, das zu akzeptieren.

 

Dieser Jetzt-Zustand löste sich jedoch sehr schnell wieder auf, sobald alte Anteile getriggert wurden und die damit verbundenen Emotionen und Zustände hochkamen. Ich hatte beispielsweise ein Probegespräch mit einer Gupta Coachin, in dem ich ihr nur kurz meinen aktuellen Stand schilderte, was aber dazu führte, dass mir hinterher einiges klar wurde. Durch die Therapie hatte ich mich tatsächlich mehr kaputt gemacht als geheilt. Ich hatte das Gefühl, das Trauma in meinem Körper war dadurch nur noch verstärkt worden. Und die Zeit in Bayreuth hatte ihr Übriges dazu beigetragen, da ich dort einen so krassen Verlust von Sicherheit erlebt hatte. Ich hatte mich noch nie in meinem Leben so einsam und verloren gefühlt und war psychisch noch nie so am Ende gewesen. Meine Therapeutin hatte damals gemeint, ich habe wie ein hilfloses Kind gewirkt und es habe irgendetwas passiert sein müssen, das in der Vergangenheit schon mal passiert war, aber damals nicht verarbeitet werden hatte können. Ich hatte aber nicht das Gefühl, dass wir genau das dann in der Therapie aufgearbeitet, geschweige denn die nötige Sicherheit im Körper hergestellt hatten. Und jetzt kam es erneut zum Vorschein.

Es war die natürliche Schutzreaktion des Körpers, in solchen Momenten in die Dissoziation zu gehen, wenn es sich (noch) nicht sicher genug anfühlte, im Körper präsent zu sein. Es wäre also sehr kontraproduktiv, diesen Jetzt-Zustand um jeden Preis erzwingen zu wollen, auch, wenn ich ihn am liebsten für immer behalten hätte. Aber dadurch, dass ich ihn erfahren hatte, wusste ich, wofür ich die ganze Arbeit machen würde und wofür sich die Arbeit lohnen würde. Denn je mehr Sicherheit ich im Körper aufbauen würde, desto sicherer würde sich der gegenwärtige Moment irgendwann anfühlen und desto öfter würde ich präsent im Hier und Jetzt sein können. Wichtig war hierbei, im Hinterkopf zu haben: „The slower you go, the faster you grow“. Druck war bei so einer Art von Arbeit völlig fehl am Platz – das hatte ich bisher falsch gemacht, weil ich unbedingt schnellstmöglich meine körperlichen Symptome loswerden hatte wollen. Ich machte mir klar, dass es vollkommen okay war, sich nach so einem emotional aufwühlenden Tag ein paar Folgen von ‚The Big Bang Theory‘ zu gönnen, um dabei herzhaft zu lachen, und bewusst einen Honigsemmel zu genießen. Danach entdeckte ich durch Zufall ein Instagram live von Maxim Mankevich und sofort war ich wieder gefesselt.

 

12.03.22

Beim Schreiben bin ich automatisch komplett im Hier und Jetzt. Es fühlt sich an, als würde ich einfach nur genau das machen, wofür ich hier bin. Die Welt scheint still zu stehen und es gibt nichts anderes als die Zeilen, die aus meinem Kopf herauswollen. Mein Traumberuf als Kind, den ich in einige Freundebücher schrieb, war wohl nicht ohne Grund Autorin. Die Gesellschaft, in der wir leben, hat mich nur leider so verbogen, dass ich mein wahres Wesen komplett aus den Augen verloren habe und irgendwann selber nicht mehr wusste, wer ich eigentlich wirklich bin. Dass ich zu mir zurückgefunden habe, macht mich so unglaublich glücklich und erfüllt mich mit so viel Dankbarkeit. Vielleicht ist das der Sinn des Lebens: bei sich und im Jetzt anzukommen. Und da fällt mir eines meiner Lieblingszitate von Eckhart Tolle wieder ein: „Der Tod nimmt alles weg, was du nicht bist. Das Geheimnis des Lebens ist, ‚zu sterben, bevor du stirbst‘ – und herauszufinden, dass es keinen Tod gibt.“ Ich könnte schon wieder weinen vor Freude.

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Total verrückt, was die letzten zwei Tage passiert ist. Als ob Maxim Mankevich in mir ein Feuer entzündet hat, für das ich mit Hilfe von Ashok Gupta, Peter Beer und Eckhart Tolle die letzten Jahre das Holz gesammelt und schon ein paar kleine Funken entfacht hatte.

 

13.03.22

Unglaublich, wie viel Glück darin liegt, einfach nur ein Stück Apfel zu zerkauen.

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